Wie lange lässt sich die Schweiz das noch bieten?
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Wie lange lässt sich die Schweiz das noch bieten?

Die von einer Zinserhöhung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ausgehende Abwärtsgefahr für den Euro-Franken-Kurs ist immens und imminent. "Ich glaube schon, dass der Moment gekommen ist, jetzt wirklich einen Ausstieg aus dieser expansiven Geldpolitik zu tun." Das sagt Aymo Brunetti, früherer Chef des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO).

Wer in den letzten Monaten zwischen den Zeilen in den Statements von SNB-Offiziellen wie Notenbankchef Thomas Jordan las, hat längst geschlussfolgert: Die Schweiz wird den Negativbeispielen der Europäer und Amerikaner nicht folgen und einer Erosion der Geldwertstabilität einfach tatenlos zusehen.

Seit Anfang 2022 erhöhte sich die jährliche Teuerungsrate in der Schweiz von 1,6% auf 2,4%. Der SNB zufolge wird die Teuerung im laufenden Jahr durchschnittlich bei 2,1% liegen. Allerdings besteht die Gefahr, dass sich diese Inflationsprognose als zu tief herausstellt. Jordan müsste dann den bei -0,75% liegenden Leitzins erhöhen. Damit ginge es für den Euro-Franken-Kurs dauerhaft unter die Parität.

Weicher Euro = Teuro

In Euroländern wie Deutschland, Frankreich und Spanien sind die Finanzminister in die Rolle der Ausputzer für die radikal anmutende Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) geschlüpft. Hier wurden und werden Ausgabenpakete geschnürt und Sozialleistungen erhöht. Damit soll der aus der hohen Inflation herrührende Kaufkraftverlust der Bürgerinnen und Bürger kompensiert werden.

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Diagramm hohe Inflation Euroraum niedrige Inflation Schweiz

Für die Schweiz kommt dieses Modell nicht in Frage. Anders als Deutsche und Österreicher haben die Schweizer ihre Stabilitätskultur nicht über Bord werfen müssen, um das hochverschuldete Frankreich, Italien und Spanien finanziell stets über die Runden zu retten. In Bern teilt man größtenteils die Auffassung des deutschen Finanzministers Christian Lindner. Der hat gerade gewarnt:

"Inflation ist langfristig die größte Gefahr für die Staatsfinanzen und den Wohlstand."

Gleichzeitig forderte er die EZB dazu auf, für stabile Preise zu sorgen. Er stieß damit erwartungsgemäß bei Notenbankchefin Christine Lagarde auf taube Ohren. Überdies hat der Krieg in der Ukraine die Bereitschaft in der Bevölkerung vergrößert, sich mit einer Inflation nahe 10% zu arrangieren. Parallel dazu wächst die Gefahr, dass die hohe Inflation nicht mehr aus dem Eurosystem rausgeht.

Laut Gegnern von SNB-Leitzinserhöhung käme die Schweizer Exportwirtschaft ins Schlittern. Der Schweizer Franken würde deutlich aufwerten und damit Produkte Made in Suisse erheblich teuer, ja sogar unverkäuflich im Ausland machen, orakeln sie. Hierbei handelt es sich eine klassische Milchbuben-/Milchmädchenrechnung.

Die Schweizer Exportwirtschaft könne dank der hohen Inflation (den steilen Preisanstiegen) im Ausland mehr einnehmen. Dies versetze die Unternehmen in die Lage einen stärkeren Franken besser zu absorbieren, sagte Jordan nach der letzten SNB-Zinssitzung. Auf dieser hatte er den Leitzins nicht angerührt.

SNB gibt Euro letzte Chance

Möglicherweise gibt Jordan den Europäern noch eine letzte Chance. Am liebsten wäre ihm eine Leitzinserhöhung der EZB. Würde Lagarde im Herbst den Leitzins anheben, dürfte die SNB "sehr, sehr schnell reagieren" und ihren Leitzins erhöhen, sagt Brunetti dem deutschen ARD-Fernsehen.

Allerdings hat die EZB in den letzten zehn Jahren immer wieder über Zinserhöhungen geredet. Den Worten folgten nie Taten. Warum sollte es also dieses Mal anders sein? Wahrscheinlicher ist: Die EZB wartet ab, bis im Herbst eine von den USA ausgehende Abkühlung der Weltwirtschaft hereinbricht und verweigert sich einer Leitzinserhöhung erneut.

Dann dürfte Jordan der Geduldsfaden reißen. Er würde aller Voraussicht den Schweizer Leitzins auf -0,50% anheben. Bei einem solchen Paukenschlag wäre das Schicksal des Euro besiegelt. Für ihn gäbe es fortan keinen Franken mehr.

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