Schweizer Franken aktuell - Eurokurs Prognosen 2015/16

EUR/CHF schleicht sich wegen Krisenherden an die Parität

Mario Draghi warnt vor Ungleichgewichten im Euroraum. China warnt die USA davor sich im chinesischen Meer einzumischen. Griechenland warnt vor dem Ende des Euros. Der als sichere Hafen wahrgenommenen Schweizer Franken profitiert vom Warnungs-Marathon. Der Euro schleicht sich auf dreieinhalb Cents an die Parität heran.

Am Devisenmarkt sinkt der Euro-Franken-Kurs am Pfingstmontag auf 1,0340. Das ist der niedrigste Stand seit drei Wochen. Auch gegenüber dem US-Dollar kommt die Gemeinschaftswährung unter die Räder. 1 Euro ist nur noch 1,0960 Dollar wert - nach 1,1468 zur Monatsmitte.


"In einer Währungsunion kann man es sich nicht erlauben große und größer werdende strukturelle Ungleichgewichte zu haben. Sie neigen dazu explosiv zu werden", sagte Draghi am Samstags auf einer Konferenz der Europäische Zentralbank (EZB) in Portugal.

Draghi spielt damit auf die Leistungzentren-Theorie an. Sie besagt, dass der Euroraum früher oder später implodieren wird. Die Euro-Südstaaten werden von der Produktivität der Euro-Nordstaaten abgehängt. Genau diesen Prozess forciere Draghi aber, weil er mit seiner Niedrigzinspolitik südeuropäische Regierungen verführe, Strukturreformen auf die lange Bank zu schieben, sagen Kritiker.

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Auf dem Radarschirm des Schweizer Frankens taucht ein weiterer geopolitischer Krisenherd auf: China errichtet Inseln in internationalen Gewässern des Südchinesischen Meeres. Die USA wollen bei der Landgewinnung auf den Spratly-Inseln nicht tatenlos zusehen. Ein US-Flugzeug wird vom chinesischen Militär achtmal zum Verlassen des Luftraums aufgefordert.

Sollten die anderen Euroländer keine Gehalts-Schecks für griechischen Beamte ausstellen, ist man in Athen bereit zum Äußersten zu gehen. Würde Griechenland den Euro verlassen würde, wäre das "der Anfang vom Ende des gemeinsamen Währungsprojekts", warnte Finanzminister Varoufakis im Gespräch mit der britischen BBC.

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Euro hängt nach EZB-Gala-Dinner für Hedgefonds in den Seilen

Der Euro versucht die Kurve zu kratzen, und so notiert der EUR/CHF-Wechselkurs aktuell stabil bei 1,04. Weil die Konjunkturerholung im Euroraum den zweiten Monat in Folge an Schwung verliert, bleiben die Abwärtsrisiken für die Devisennotierung allgegenwärtig. Die Europäische Zentralbank (EZB) spielt die beleidigte Leberwurst. Sie will künftig nur noch per Zuruf Rechenschaft ablegen.

Am Devisenmarkt sank der Eurokurs in den vergangenen Handelstagen von 1,0505 Franken auf 1,0385 Franken. Die Gemeinschaftswährung tauchte mehrmals unter 1,04, nachdem bekannt wurde, dass die Privatwirtschaft im Euroraum zuletzt den Fuß etwas vom Gaspedal nahm. Ein Sammelindex der Industrie und Dienstleister sank von 53,9 Punkten im April auf auf 53,4 Zähler im Mai.

"Der allgemeine Aufschwung scheint zwar weiter intakt zu sein, jedoch spricht einiges dafür, dass die Dynamik im Juni weiter nachlassen könnte", erläutert Markit. Der Datendienstleister erhebt den auf einer Befragung von 5.000 Industrie- und Dienstleistungsunternehmen beruhenden Sammelindex. Nach einem schwächeren ZEW-Konjunkturbarometer ist der Markit-Index bereits der zweite zentrale Wirtschaftsindikator für den Euroraum, der nach unten zeigt.

Empörung über empörte EZB

Der Europäische Zentralbank unterlief in dieser Woche ein arger Patzer. Sie informierte Hedgefonds-Manager und Bankiers in einem Londoner Hinterzimmer vorab über eine vorübergehende Ausweitung der Käufe von Staatsanleihen. Die Pressemitteilung für das "normale Volk" gab es erst einen Tag nach dem "Gala-Dinner" von EZB-Direktor Benoit Coeuré mit der Hochfinanz.

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Skurril ist inzwischen nicht mehr die Panne an sich, sondern wie die EZB darauf reagiert. Anstatt zu sagen, man habe einen Fehler gemacht und werde die Pressetexte mit den Sperrfristen künftig wieder vor den Reden der Währungshüter veröffentlichen - wie es weltweit seit Jahrzehnten üblich - kommt es zu einer Kurzschlussreaktion.

Mario Draghis EZB will die Praxis beenden, Redetexte von Währungshütern vorab mit einer Sendesperrfrist an Journalisten zu übermitteln, obwohl dieser Prozess eine sehr zeitnahe und qualitativ hochwertige Berichterstattung gewährt. Die Europäische Zentralbank halte sich augenscheinlich für so wichtig, dass sie ständig eine Schar von Journalisten in Demut warten lasse, sagen Kritiker. Dahinter stecke der auf Kritik gekränkt reagierende Draghi.

Als man Draghi darauf ansprach, wie denn seine Rolle im italienischen Finanzministerium vor der Euro-Einführung war - ob die Maastricht-Kriterien nur aufgrund von Bilanztricks erreicht wurden - weigerte er sich zu antworten. Dass er bei der italienischen Skandalbank Monte dei Paschei, für deren Beaufsichtigung er als früherer Notenbankchef Italiens verantwortlich war, vielleicht etwas falsch gemacht habe, sei abwegig.

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EZB druckt sich eine Lizenz zum Lügen

Eine Gemeinheit der Europäischen Zentralbank (EZB) sei das gewesen. Da müsse sich Notenbankchef Mario Draghi nicht wundern, wenn der Protest direkt vor seinem Schreibtisch stattfinde. Es geht um eine Ankündigung die Käufe von Staatsanleihen auszuweiten, die zunächst nur einem elitären Klub von Bankern und Fondsmanagern in London mitgeteilt wird.

Am Devisenmarkt reagiert der Euro mit Kursverlusten auf die Nachricht, dass die EZB ihre Käufe von Staatsanleihen im Mai und Juni ausweiten werde. Gegenüber dem Schweizer Franken sinkt die Gemeinschaftswährung auf 1,0395 - nach 1,05 zu Wochenbeginn. Der Euro-Dollar-Kurs bricht von 1,1410 auf 1,1062 ein.

Täuschungsmanöver

EZB-Direktoriumsmitglied Benoit Coeuré sagte am Montagabend in London, dass man die Wertpapierkäufe in den kommenden Wochen erhöhen werde. Hintergrund sei der saisonale Charakter des Anleihegeschäfts, der im Hochsommer in einer besonders niedrigen Liquidität zum Ausdruck komme.

Deshalb werde die Europäische Zentralbank im Mai und im Juni mehr als die bisher geplanten 60 Milliarden Euro im Monat für Anleihekäufe drucken und dafür im Juli und im August die Käufe entsprechend drosseln. Die EZB teilte diese marktrelevanten Informationen erst am Dienstag mit. Es sei da ein Fehler unterlaufen.

Fakt ist: Wenn einem börsennotierten Unternehmen ein solcher Fehler unterläuft, muss es mit millionenschweren Schadenersatzklagen rechnen. Die Professoren der EZB sind jedoch - genauso wie die mit einer Lizenz zum Lügen ausgestatteten Währungshüter der Schweizerische Nationalbank (SNB) - unantastbar.

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Ist die Juncker-Liste Vorbote der Nuklear-Option?

Mit Skepsis reagiert der Euro auf eine streng geheime Juncker-Liste zur Rettung Griechenlands. Die EU-Kommission droht mit ihrem Vorstoß zu scheitern. Es wäre nicht das erste Mal. In Zypern hatte es die Brüsseler Behörde schon einmal mit einem weichspülen der Hilfsbedingungen versucht. Sie scheiterte am Widerstand Deutschlands und des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Der Euro-Franken-Kurs sinkt von 1,0505 auf 1,0405, während sich die Lage in Griechenland dramatisch zuspitzt. Eine am 5. Juni 2015 fällige Kreditrate in Höhe von 1,5 Milliarden Euro soll Athen nicht in der Lage sein zurückzuzahlen, heißt es in einem internen Memo des IWF, das der Presse zugespielt wurde.

Eine schlechtere Stimmung der Finanzmarktexperten forciert die Talfahrt der Gemeinschaftswährung. Die ZEW-Konjunkturerwartungen haben sich in Deutschland überraschend stark eingetrübt. Auch der von dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) erhobene Index für den Euroraum fiel schwächer aus als von Ökonomen erwartet.

Mit der so genannten Juncker-Liste wäre die Kuh in Griechenland wohl nicht vom Eis. Griechenland soll fünf Milliarden Euro für eine weichgespülte Reformagenda erhalten, berichtet die griechische Zeitung "To Vima". Der IWF, der nach seinen Statuten Griechenland kein Geld mehr leihen darf, weil die Wahrscheinlichkeit es zurück zu bekommen, gegen Null geht, soll gemäß der Juncker-Liste rausfliegen.

Nuklear-Option

Als es vor zwei Jahren um die Rettung Zyperns ging, versuchte der damalige EU-Währungskommissar Olli Rehn die Reformauflagen abzumildern. Er scheitere mit seiner Forderung die Bankguthaben über 100.000 Euro nicht für die Sanierung des Finanzsektors heranzuziehen am Widerstand Deutschlands, des IWF und der Europäischen Zentralbank (EZB).

Die EZB drohte der damaligen zypriotischen Regierung mit der so genannten Nuklear-Option. Das Land hätte jegliche finanzielle Unterstützung der EZB verloren, hätte die Regierung den Forderungen der Geldgeber nicht nachgeben. Zypern entging damit nur knapp einem kompletten Kollaps - einer Atomisierung - seines Finanzsystems.

Die Nuklear-Option traut man sich in Griechenland bisher nicht einzusetzen. Das Land ist mit seinen elf Millionen Einwohnern schlichtweg eine Nummer zu groß. Die Schockwellen wären in ganz Südosteuropa zu spüren, wo die Lage wegen der Krise in Mazedonien bereits sehr angespannt ist.

Meinung:
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Schweizer Notenbank als undemokratischer Pokerspieler

"Wir gehen nach wie vor davon aus, dass eine Abschwächung des Frankenkurses gegenüber dem Euro stattfinden sollte", sagt der Vizepräsident der Schweizerische Nationalbank (SNB), Fritz Zurbrügg. Die jüngste Entwicklung des Wechselkurses gibt ihm recht. Für den Euro werden aktuell 1,05 Schweizer Franken bezahlt - nach 1,02 vor einem Monat. Das große Pokerspiel geht in die nächste Runde.

Die Abschwächung des Euros scheint der SNB nicht auszureichen, sonst hätte Zurbrügg nicht zu einer verbalen Intervention am Devisenmarkt mittels Zeitungsinterview gegriffen. Wer darauf gehofft hat, eine konkrete Wechselkursprognose zu bekommen, wird enttäuscht. Der künftige Vizepräsident spielt den Pudding, der sich nicht an die Wand nageln lässt.

"Die Entwicklung des Frankenkurses hängt von ganz verschiedenen externen Einflüssen ab. [...] Die Erfahrung lehrt uns, dass es unmöglich ist, Aussagen bezüglich des zeitlichen Verlaufs von Wechselkursentwicklungen zu machen, und dass die Kurse lange von diesen Gleichgewichtskursen abweichen können", erläutert Zurbrügg im Gespräch mit der Berner Zeitung.

Pokerspieler

Das die Schweizerische Nationalbank (SNB) nach der plötzlichen Aufhebung des Mindestkurses wie ein Pokerspieler dastehe, will Zurbrügg nicht gelten lassen: "Wir machen keine Pokerspiele. Wir machen Geldpolitik."

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Auch bei der demokratischen Legitimation seiner Notenbank lässt er nicht den Hauch an Kritik zu. Die SNB kann sich nach wie vor nicht dazu durchringen die Sitzungsprotokolle zu veröffentlichen, obwohl dies mittlerweile Gang und Gebe einer jeden Notenbank ist, die eine wichtige Währung emittiert. Selbst die Europäische Zentralbank (EZB) zeigt ihre Sitzungsprotokolle seit kurzem der Öffentlichkeit.

Die Darstellung der SNB die Aufhebung des Mindestkurses sei alternativlos, wird längst nicht von allen geteilt. Man hätte das Volk befragen müssen, welches sehr wohl dazu in der Lage sei zu entscheiden, ob es einen weichen oder einen harten Franken haben möchte, sagen Kritiker. Damit wären Großspekulationen auf ein Ende des Mindestkurses bis zum Wahltag Einhalt geboten worden.

Euro-Anstieg auf 1,10 CHF oder neuer Mindestkurs bei 1,14?

Ist der jüngste Anstieg des Euro-Franken-Kurs auf 1,05 erst der Anfang? Die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) sieht den Euro in den nächsten Wochen auf 1,10 Franken klettern. Ein der Schweizerischen Nationalbank (SNB) nahestehender Wirtschaftsprofessor fordert eine neue Untergrenze bei 1,14. Bei der Commerzbank pocht man auf die Parität.

Die Gemeinschaftswährung befindet sich aktuell auf dem aufsteigenden Ast. Bis zu 1,0505 Franken zahlte man zuletzt für einen Euro. Das waren zwei Rappen mehr als am Anfang des Monats. Im Vergleich zu Ende April, als der Wechselkurs mit 1,0230 auf den tiefsten Stand seit drei Monaten absackte, gelingt dem Euro eine Aufwertung um 2,69 Prozent.

"Heute würde ich zum Beispiel empfehlen, die Untergrenze beim Euro bei 1,14 Franken [...] zu setzen", sagte der der SNB nahestehende Ökonomieprofessor Peter Bernholz in einem Gespräch mit NZZ am Sonntag. Um den neuen Mindestkurs durchzusetzen, müsste die Schweizerische Nationalbank wieder massiv Euro-Stützungskäufe durchführen. "Das dürfte viele Milliarden kosten", so Bernholz.

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Gemäß einer aktuellen Prognose der Helaba wird der Eurokurs bis zur Jahresmitte aus eigener Kraft auf 1,10 Franken steigen und das Niveau bis Ende 2015 halten. Die Commerzbank sieht den Euro hingegen im Hochsommer bei 1,00 Franken notieren. Bis zum Jahresende rechnet Deutschlands zweitgrößte Bank mit einem Rückgang des Wechselkurses auf 0,98.