Der EUR/CHF-Kurs ist ein sensibler Gradmesser für die wirtschaftliche und politische Stimmung in der Eurozone. Besonders deutlich zeigen sich Wechselkursbewegungen, wenn große Ausgabenprogramme umgesetzt werden.
In den vergangenen Jahren gab es zwei solcher "Großereignisse" – eines im Jahr 2020 und eines im Jahr 2025. In beiden Fällen konnte der Euro gegenüber dem Schweizer Franken zunächst aufwerten.
1. Der EU-Wiederaufbaufonds 2020 – ein historischer Integrationsschritt
Im Mai und Juni 2020, mitten in der COVID-19-Krise, installierte die Europäische Kommission den EU-Aufbaufonds. Mit einem Volumen von 750 Milliarden Euro und der Finanzierung über gemeinsame EU-Anleihen war dies ein historischer Schritt in Richtung fiskalischer Integration.
Die Reaktion am Devisenmarkt war deutlich:
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Ende Mai 2020 notierte der EUR/CHF noch bei rund 1,0500.
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In den darauffolgenden Monaten setzte eine kontinuierliche Aufwertung ein, die den Kurs bis März 2021 auf 1,1150 steigen ließ – ein Plus von 6,2%.
Treiber dieser Entwicklung waren vor allem:
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Höheres Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Eurozone.
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Sinkende Risikoaufschläge für Staatsanleihen in den Peripherieländern.
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Eine generelle „Risk-on“-Stimmung, die den sicheren Hafen Schweizer Franken weniger gefragt machte.
2. Der deutsche 500-Milliarden-Euro-Stimulus und höhere Verteidigungsausgaben 2025
Fünf Jahre später, im März 2025, verkündete die deutsche Bundesregierung ein Konjunkturprogramm in Höhe von rund 500 Milliarden Euro. Ziel sind Investitionen vor allem die Verteidigung. Die Bundeswehr wird zur größten Armee Europas gemacht. Hinzu kommen hohe Investitionen in die Infrastruktur. Frankreich und weitere EU-Länder leiten ebenfalls deutlich höhere Verteidigungsausgaben ein.
Dies war zweifellos ein großer fiskalpolitischer Impuls – doch die Wechselkursreaktion fiel bescheiden aus:
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Anfang März 2025 stand der EUR/CHF bei 0,93.
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Fünf Monate später notiert der Kurs bei 0,94– ein Zuwachs von 1,1%.
Warum die Wirkung so begrenzt war:
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Die Maßnahmen waren national organisiert und nicht Teil eines integrierten, EU-weiten Fiskalrahmens.
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Investoren bewerteten die langfristige Tragfähigkeit der nationalen Schuldenaufnahme vorsichtig.
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Die geopolitische Unsicherheit (Ukraine-Krieg, Trump-Zölle) hielt die Nachfrage nach dem sicheren Hafen Schweizer Franken hoch.
3. Lehren aus beiden Episoden
Der Vergleich zeigt:
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Strukturelle Integration wie im Jahr 2020 kann das Vertrauen in den Euro und zu einem deutlichen Anstieg führen. Allerdings wird dieser Anstieg rückgängig gemacht, alsbald die Maßnahmen in den Augen der Finanzmärkte verpufft sind.
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Nationale Impulse, selbst in Rekordhöhe, haben eine geringere und kurzlebigere Wirkung auf den EUR/CHF, wenn sie nicht mit einer vertieften europäischen Finanzarchitektur einhergehen.
4. Ausblick: Wahrscheinlicher Rückgang nach Abklingen des zweiten Impulses
Die Kursentwicklung nach 2021 liefert einen wichtigen Hinweis: Auch ein kräftiger, integrativer Impuls wie 2020 konnte den EUR/CHF nur vorübergehend auf ein Hoch treiben – danach setzte sich die Überlegenheit des Schweizer Frankens Kräfte wieder durch.
Zum Thema: EUR/CHF-Ausblick 2026-2031
Da der aktuelle Anstieg 2025 deutlich schwächer ist, ist es plausibel anzunehmen, dass der Euro nach dem Abklingen des fiskalpolitischen Rückenwinds wieder unter Druck gerät. Ein Rückfall unter das bisherige Rekordtief bei 0,92 wäre daher keine Überraschung.
Fazit
Fiskalprogramme können den Euro gegenüber dem Franken stärken – aber die Historie zeigt, dass solche Aufwertungen nur vorübergehend sind. Ohne neue, breit abgestützte EU-weite Integrationsschritte dürfte sich der längerfristige Abwärtstrend im EUR/CHF nach Auslaufen der Stimulus-Effekte fortsetzen.