Schweiz ist Zünglein an der Waage
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Schweiz ist Zünglein an der Waage

Der Euro wirft das Handtuch, und so sinkt der EUR/CHF-Währungskurs auf 1,0720. Das ist der tiefste Stand seit einem Monat. Ist die Stärke des Schweizer Frankens etwas Strukturelles? Soll heißen: Auch der Einstieg der Euroländer in eine gemeinsame Fiskalunion und viel Risikobereitschaft wegen alternativlosen Aktien-Käufen ändern an ihr nichts. Das wird ausnahmsweise einmal nicht in Europa sondern in der Schweiz entschieden.

An der Wall Street gibt es täglich neue Allzeithochs. Der Elektroautohersteller Tesla ist mehr wert als die gesamte europäische Automobilindustrie. Apple macht Jagd auf das Bruttoinlandsprodukt von Frankreich. In Europa sieht es dagegen mau aus. Der deutsche DAX und der schweizerische SMI machen es den Umständen entsprechend noch ganz gut. Sie sind recht nahe dran an ihren Hochs vom Februar 2020.

Die größten Nettoempfänger des EU-Aufbaufonds sind weit abgeschlagen. Der spanischen Aktienindex ist 30% unter seinem Hoch von Jahresbeginn. Der italienische 22% darunter. Aber auch Österreichs ATX ist extrem schwach unterwegs. Nach 3200 Punkten im Februar bringt er es aktuell nurmehr auf 2230 Zähler. Die Underperformance zeigt: Investoren sind nicht der Meinung, dass aus dem EU-Aufbaufonds eine spannende Konjunkturstory wird.

Und so zieht dieses Mal Amerika Europa nicht mit nach oben. Es ist keinesfalls so, dass Anleger bedingungslos in Aktien gehen. Man schaut sehr genau hin, was man sich ins Depot holt. Frankreich, Italien und Spanien fallen durch. In diesen drei großen Euroländern hätten die Aktienkurse spätestens nach dem Beschluss des EU-Aufbaufonds steil steigen müssen (Buy the Rumour).

Mit der hohen Risikobereitschaft im Rücken wäre den Euro-Franken-Kurs dann locker über 1,10 gegangen. Pustekuchen! Der EU-Aufbaufonds werde nach den Worten des deutschen Ökonomen Hans-Werner Sinn vor allem für Verstaatlichungen von nicht mehr wettbewerbsfähigen Unternehmen und für die Rettung der Gläubigerbanken verwendet werden. "Von Wiederaufbau kann nicht die Rede sein", so der frühere Chef des ifo-Instituts.

Hebt die Schweiz den Daumen?


Wer einen stärkeren Euro zum Schweizer Franken braucht, hat noch eine letzte Hoffnung: Im September, wenn die institutionellen Anleger aus dem Urlaub zurück sind, setzt eine Kaufwelle für europäische Vermögenswerte ein. Europas Börsen beginnen die Riesenlücke zu den USA zu schließen. Die sprudelnde Risikobereitschaft befördert auch den Euro-Franken-Kurs nach oben.

Europäische Aktien könnten aufholen, nachdem sie über ein Jahrzehnt schlechter gelaufen seien als die Wall Street. Das sagte der Fondsmanager Jens Erhardt bereits im Juni im Interview mit dem "Handelsblatt". Erhardt gilt als einer der besten deutschen Vermögensverwalter. Sein Leitmotiv: "Dem Anleger wird nichts anderes übrig bleiben, als Aktien zu kaufen."

Aber selbst wenn es so kommen sollte, gibt es für den Euro-Franken-Kurs noch eine entscheidende Frage: Machen die Schweizer da mit? Damit sich der Franken merklich gegenüber dem Euro abschwächt, müssen Schweizer Fondsmanager und Vermögensverwalter auf breiter Flur in die Eurozone gehen. Dafür gibt es bisher keine Anzeichen.

Es sieht vielmehr danach auch, dass sich die Schweizer auf Deutschland, Österreich und die Niederlande fokussieren. Hier sind die strukturellen Voraussetzungen wesentlich besser als im Süden der Eurozone. Überdies dürften viele ihre Aktien-Engagements gegen einen fallenden Euro-Franken-Kurs mit Terminkontrakten absichern. Der Euro bliebe chancenlos gegenüber dem Schweizer Franken.

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