Um wie viel Prozent hält Italien den EUR/CHF-Kurs zurück?
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Um wie viel Prozent hält Italien den EUR/CHF-Kurs zurück?

Als man den Euro einführte, steckte 14% italienische Lira in ihm. Mittlerweile ist es deutlich mehr. Italien ist ein Schlüsselland für die Eurozone. "Ein Austritt Italiens aus dem Euro oder gar aus der EU wäre eine Katastrophe. Es wäre dann wohl das Ende des Euro, und vielleicht auch der EU selber", sagt Yvan Lengwiler, Professor für Geldpolitik an der Universität Basel, der Nachrichtenagentur sda.

Routinierte Beobachtern des Euro-Franken-Kurs sind mit der magischen Wirkung des "Spread" vertraut. Es geht um den Zinsunterschied zwischen Deutschland und Italien:
  • Leiht sich der deutsche Staat mit seiner Top-Bonitätsnote Geld, dann macht er damit einen Gewinn. 10-jährige Bundesanleihen rentieren aktuell bei -0,42%.
  • Italiens Bonität ist hauchdünn über dem Ramschniveau. Entsprechend notieren die 10-jährigen Schuldscheine des Landes bei 1,33%.
  • Der Zinsunterschied (Spread) beträgt aktuell 1,75% (1,33% plus 0,42%).
Mit 1,75% kann der Euro-Franken-Kurs ganz gut leben. Er notiert aktuell bei knapp 1,07. Als der Spread im April 2020 auf 2,59% kletterte, sank der Euro auf 1,05 Franken. Er wäre noch tiefer gefallen. Jedoch hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) das mit Euro-Stützungskäufen verhindert.

Mit der Euphorie über den EU-Wiederaufbaufonds (Einstieg in die Vergemeinschaftung von Schulden) sank der Spread auf 1,67%. Der Euro-Franken-Kurs kletterte zeitgleich auf ein 6-Monatshoch bei 1,0915.

Entwicklung EUR/CHF-Kurs und Zinsspread Deutschland Italien gegenübergestellt (Linienchart)

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat indes ihre Käufe von italienischen Staatsanleihen übergewichtet. Italien hat ein vertragsmäßiges Anrecht auf 14% des 1,35 Billionen Euro schweren EZB-Kaufprogramms. Die EZB kauft allerdings für 20% italienische Papiere.

"Begehen Sie Rechtsbruch, weil Sie viel mehr italienische Staatsanleihen kaufen, als es dem Kapitalschlüssel des Landes an der EZB entspricht?" Diese rhetorische Frage stellt das Magazin Spiegel EZB-Vizepräsident Luis de Guindos. Der Spanier wiegelt mit einem Nein ab.

In der langen Sicht ist es ein Teufelskreis: Ohne die EZB-Käufe von italienischen Staatsanleihen steigen die Zinsen und damit auch der Spread. Der Euro-Franken-Kurs sinkt.

Mit den Käufen lässt sich der Spread zwar im Zaum halten. Dafür saugt sich die EZB mit bonitätsschwachen italienischen Staatsanleihen wie ein Schwamm voll, so wie die Banca d'Italia in den 80er und 90er-Jahren. Das Ergebnis ist auch hier eine Weichwährung. Der Prozess dahin ist allerdings auf Jahrzehnte angelegt.

Fazit:
Der Euro wird nicht so gnadenlos abgestraft wie einst die italienische Lira. Gegen den Schweizer Franken kann er allerdings nicht bestehen. Gäbe es noch D-Mark, Schilling, Franc und Peseta, würde der Schweizer Franken aber auch gegenüber diesen Währungen zulegen.

Insofern lässt sich sagen: Hätten sie den Euro einst ohne Italien gemacht, wäre der Euro-Franken-Kurs aktuell um 5-10% höher, also zwischen 1,12 und 1,18. Damit wäre er seinem fairen Wechselkurs recht nahe.

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