Großer EU-Briten-Clash: Flüchten jetzt alle in den Franken?
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Großer EU-Briten-Clash: Flüchten jetzt alle in den Franken?

In Europa werden gerade die Wirtschaftsmodelle abgesteckt. Das hat gewaltige Auswirkungen auf die wichtigsten Währungen hierzulande. Der Euro wird zu einer inflationären Abschottungswährung. Das Britische Pfund geht noch stärker auf Freihandelskurs. Der Schweizer Franken ist eine Kombination aus beidem. Er kann von der Rauferei zwischen der EU und Großbritannien eigentlich nur profitieren.

"Die Mitte zwischen der Kaufkraftparität und dem jetzigen Kursniveau - also eine Größenordnung von etwa 1,15 Franken - erschiene wohl auch für die meisten KMU (klein- und mittelständischen Unternehmen) als tragbares Niveau." Das sagt der Schweizer Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann im Gespräch mit der "Neuen Zürcher Zeitung". Hört sich plausibel an, nur ist es auch realistisch?

Damit der Euro gegen den Schweizer Franken substanziell stärker wird, muss Euroland mehr Freihandel, Marktwirtschaft und Deregulierung wagen, so wie vor 2008. Es geht aber seit dem Brexit-Votum in die andere Richtung. Frankreich schmiedet mit Südeuropa eine Abschottungsallianz. Der stärker auf Freihandel ausgerichtete Block (Deutschland, Österreich, Niederlande, Finnland) verliert an Einfluss.

Die EU-Subventionen aus dem Agrarbereich werden damit zur Blaupause, um zukünftig ganze Wirtschaftszweige vor unliebsamer Konkurrenz aus dem EU-Ausland zu schützen. Die Italiener wollen ihr Finanzwesen abschotten, die Spanier ihren unterentwickelten Dienstleistungssektor. Frankreich hat Komplexe wegen den starken US-Internetfirmen usw.

Wirtschaftsmodelle

Großbritannien ist auf dem Weg so etwas wie das Massachusetts Europas zu werden. Die britische Premierministerin Theresa May steuert übereinstimmenden Medienberichten zufolge auf einen harten Brexit zu. Die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas opfert also den Zugang zum EU-Binnenmarkt, um die Zuwanderung zu begrenzen.

Dadurch könnte man gezwungen sein, das Wirtschaftsmodell zu ändern, sagt Finanzminister Philip Hammond der "Welt am Sonntag". London hat bereits über eine Senkung der Unternehmenssteuern laut nachgedacht. Hammond gibt nun zu erkennen, mit Deregulierungen und Änderungen des Sozialsystems das neue Wirtschaftsmodell anzureichern.

Man hätte dann in etwa ein Modell wie im Nordosten der USA, wo es zwar mehr Sozialleistungen gibt als im Rest des Landes, aber eben auch eine sehr viele freiere Marktwirtschaft als in Europa. Das wäre dann das komplette Gegenteil von dem, was Frankreich, Italien und Spanien vorschwebt.

Die Schweiz versucht den Spagat zwischen freiem EU-Marktzugang und Personenfreizügigkeit. Die Masseneinwanderungsinitiative hat die Regierung in Bern dermaßen weichgespült, dass von einer Begrenzung des Zuzugs de facto keine Rede mehr sein kann. Sollten die Briten mit ihrem Brexit vormachen, dass es auch ohne EU-Marktzugang geht, könnte das Schweizer Stimmvolk eine neue Initiative starten.

Währungsausblick

Aus währungstaktischer Sicht ist die Schweiz in der besten Ausgangslage. Sie hat am wenigsten zu verlieren. Der Franken dürfte stärker werden, wenn Großbritannien, dessen Wirtschaft so groß ist wie die von 20 EU-Ländern zusammen, und Brüssel bei den Artikel-50-Austrittsverhandlungen aneinandergeraten. Das Pfund ist in der Außenseiter-Rolle, so wie es Island beim Spiel der Fußball-Europameisterschaft gegen England war.

Der Euro sollte gegen das Pfund also erst einmal weiter aufwerten. Allerdings darf man die Schadwirkung für die Eurozone, deren Exporte nach Großbritannien bedroht sind, nicht unterschätzen. Hinzu kommt die "Sugar-Daddy-Mentalität": EZB-Chef Mario Draghi wird sich nicht zweimal bitten lassen. Der Brexit-Clash ist ein idealer Vorwand, um noch mehr Geld mit der Notenpresse zu machen, womit im Endeffekt Sozialleistungen in den Euroländern finanziert werden.

Die Eurozone verliert wegen des Anti-Freihandelskurses langfristig ihr Trumpfass: Die Exportüberschüsse. Infolge druckt die EZB Geld, weil durch den wirtschaftlichen Niedergand der Euro bedroht wird (Whatever it Takes). Anders als in Japan, wo das Machen von Notenbankgeld kaum Inflation hervorruft, kommt es in der Eurozone zu einem deutlichen Anstieg der Inflation und infolge zu einem noch weicheren Euro.